Kritik

Dämonen ohne Patentrezept

vom 10.Juni 2014, Westfälische Nachrichten

Liebende und ihre Dämonen (v. l.): Karsten Ritter, Thomas Löhr (Jakob), Julia Bodenburg (Grete) sowie Linda Simm präsentierten im Kreativ-Haus Martin Heckmanns’ Beziehungspuzzle „Einer und Eine“.

Liebende und ihre Dämonen (v. l.): Karsten Ritter, Thomas Löhr (Jakob),

Julia Bodenburg (Grete) sowie Linda Simm

präsentierten im Kreativ-Haus

Martin Heckmanns’ Beziehungspuzzle „Einer und Eine“.

Foto: Ralf Emmerich

 

Münster

„Der Anfang ist das Leichteste. Der Anfang ist einfach da“, sagt der Dämon trocken – und dann geht es los. Auf der Bühne des Kreativ-Hauses zeigte Pfingsten das münsterische Tafereel-Theater Martin Heckmanns‘ Beziehungspuzzle „Einer und Eine“.

 

Um die Klischees gleich aus dem Weg zu räumen, „federleicht“ war an diesem sommerlich warmen Premierenabend gar nichts. Es sah nur so aus, es hörte sich nur so an. Dafür sorgten die präzise Regie Annette Knufs (Assistenz: Anja Zienterra) sowie die punktgenaue Bühnenpräsenz des Darstellerquartetts Julia Bodenburg (Grete), Thomas Löhr (Jakob), Karsten Ritter (Dämon) und Linda Simm (Dämonin).

In Henri Alain Unsenos‘ angemessen kargem Bühnenbild und Tina Toebergs gemütlichen Kostümen sezieren die Vier zwischen Sofa und Hocker mal eben die Liebe und das Leben gleich mit. Sie präsentieren die Facetten des Alltags, die zu großen Gefühlen werden, ebenso wie die Lächerlichkeiten des Augenblicks. Ungeniert dürfen die Zuschauer auch mal schadenfrohe Voyeure sein, wenn Jakob seine angehimmelte Supermarkt-Bekanntschaft Grete zu einem ersten, reichlich verkorksten Ausflug in die ländliche Tristesse mitnimmt. Aber „es gibt kein Zurück“, wie Grete weiß.

Jakob und Grete fallen übereinander her, kuscheln, reden, verstummen und telefonieren doch wieder miteinander. Ihre beiden grau gekleideten, frech-fröhlichen Dämonen bezeugen die Hintergrundgeschichten und -gefühle zu dieser Alltagsliebe, machen das Chaos der Empfindungen durch ironische Distanz zugänglicher und verankern diese flüchtigen Momente in der Gegenwart. Dafür werden die Dämonen auch schon mal zu Jakobs peniblem Chef oder Gretes neugieriger Mitbewohnerin.

„Wie lässt sich der Zufall des Anfangs in die Dauer überführen?“, fragt sich Grete schließlich, als ihre Liebe sich verändert und die beiden zueinander auf Distanz gehen. Ein Patentrezept haben dafür auch die Dämonen nicht, sie setzen auf Pragmatismus: Mal sehen, was kommt. Und sie scheinen damit Recht zu haben, denn Grete und Jakob treffen sich schließlich wieder, ausgerechnet auf einer Beerdigung. Vielleicht geht ja doch noch was? Mehr ist jedenfalls nicht drin, lassen uns Autor und Akteure wissen. Weniger aber zum Glück auch nicht.

                                                                                     von Jan Schneider

Mechanismen der Ausgrenzung

vom 25.6.2013, Westfälische Nachrichten


Geld bewegt die Welt: Das Tafereel-Theater thematisierte mit „Tür auf, Tür zu“ von Ingrid Lausund, wer zur Gesellschaft gehört und wer nicht.

Geld bewegt die Welt: Das Tafereel-Theater thematisierte mit „Tür auf, Tür zu“

von Ingrid Lausund, wer zur Gesellschaft gehört und wer nicht.

Foto: Axel Engels

 

„Tür auf, Tür zu“ nach dem Stück von Ingrid Lausund kam ganz ohne Tür aus – und war mit dem besonderen dramaturgischen Ansatz von Annette Knuf eine beachtenswerte Produktion. Was das Tafereel-Theater am Wochenende im Kreativ-Hauses auf die Bühne brachte, war keine leichte Kost, aber bei solch hohem schauspielerischem Niveau ein Erlebnis.

 

Schon der Beginn war ein Experiment von Knuf. Denn sie verlegte die erste Szene in das Foyer. Die Regisseurin hatte zudem sensibel einige Kürzungen vorgenommen, die ein tieferes Verständnis ermöglichten und den leicht depressiven Ansatz von Lausund vermieden.

Alexandra Brink, Claudia Löffler, Linda Simm und Marita Stricker „teilten“ sich die Rolle der „Frau mit den roten Schuhen“, gab so die verschiedenen Charaktermerkmale facettenreich wider. Karsten Ritter und Thomas Löhr meisterten als Erzähler und als die „Tür“ ihre Partien mit Bravour. Dem anscheinend gefesselt lauschenden Publikum wurde der Satz „Tür auf, Tür zu“ in einer rhythmisch variierten Form in die Ohren „gehämmert“, der von einem leisen, das Stück begleitenden Herzrhythmus-Geräusch begleitet wurde – in Sprachmelodie und Stimmfärbung der jeweiligen Szenen angepasst.

Für die „Frau mit den roten Schuhen“ wurde dieser Abend schicksalsbestimmend, und dies setzte das Ensemble mit wohl dosierter Dramatik um. Das innovative aus Rohren zusammengesetzte Bühnenbild von Henri Alain Unsenos unterstützte den Spielfluss, bot dem Spielfluss eine quasi räumlichen Dimension.

Das „Draußen“ vor der imaginären Tür erschien als Sinnbild für den Fall eines gesellschaftlich ausgegrenzten Menschen, dem Verlust der Arbeit und daraus resultierendem fehlenden Anschluss an die erfolgsbestimmte Gesellschaft. Die Frau mit den roten Schuhen verlor zuerst die Selbstbeherrschung und schließlich jegliche Selbstachtung. Ihre verzweifelten Annäherungsversuche an die Tür boten in ihrer Feinsinnigkeit und spürbaren Dramatik Stoff zum Nachdenken. Die Mechanismen sozialer Ausgrenzung wurden auf hohem Niveau schauspielerisch dargestellt.

 

Von Axel Engels

 

Abschluss mit Lust

Geschrieben am 07. November 2010 von Joe Knipp

 

Eine Theaterinszenierung, die von Schauspielerinnen und Schauspielern beherrscht wird?
Die Abschlussinszenierung einer Schauspielschule: hier könnte sich das Bühnengeschehen schon naturgemäß um die Spielenden drehen. Erste Voraussetzung für Theater.

Und tatsächlich. Im Art Theater Ehrenfeld konnte ich mich freuen, erstaunen, hören, lachen, schauen. Die Abschlussarbeit der Theaterakademie Köln wurde zu einem guten, leichten, schwingenden Abend, der von der Spielfreude des Ensembles geprägt war. Hier wurde sichtbar, was immer seltener sichtbar wird oder werden darf - Energie, Rhythmus, Verwandlung, Komik. Lust.

[...]

Ich betrat den Saal und es überkam mich die übliche Beklemmung, wenn ich vermuten darf, die laute Musik, die schrille Beleuchtung und die in Posen erstarrten und ruckweise sich bewegenden Figurinen, werden eine Fortsetzung finden, wenn alle Zuschauer Platz genommen haben.

Aber: Licht. Eine Clownin (Linda Simm) spricht über den “Alptraum vom Glück”. Klar in Sprache und Haltung. Die gelungene Inszenierung der Szenenfolge von Justine del Corte kommt ohne den üblichen Firlefanz zeitgenössischer Inszenierungen aus. Die verschiedenen Schicksale, die sich zu einem gemeinsamen zu verbinden scheinen, finden gefasste Figuren, die Besetzung gelungen, zweite Voraussetzung für gutes Theater. Die Gestalten gehen, laufen, liegen auf einer bunten, weichen Würfellandschaft, werden, eine nach der anderen, durch einen großen, roten Mund über eine Rutsche auf die Szene gespült. Eine Frau spricht über ihren Vater, der ihr erklärt, nach einem Kuss wachse eine Blume aus der Mundhöhle. Celina Engelbrecht leuchtet in Emotionen, klar und nuanciert. Die Regie (Bernhard Bötel) lässt viele Feinheiten zu, mit denen seine Protagonisten Energie und Timing ausloten können. Nur selten geben die jungen Darsteller zuviel des Guten, aber auch dann gerät das Ganze nie aus den Fugen. Auch Gesang und Choreografie sind schlüssig. Ein Reigen tragischer und komischer Vergeblichkeiten, ein Casting trauriger Gestalten. Manchmal taucht ein Regisseur auf (Energiegeladen: Harald Hauber), der die Auftretenden niedermacht und seine Assistentin (wunderbar in dieser Rolle: Acerina Zambrano) immer wieder in die Wüste schickt, bis er selbst seiner Rolle nicht mehr sicher sein kann.

Das Spiel von Celina Engelbrecht, Harald Hauber, Max Heller, Marylin Pardo, Linda Simm, Dorothea Toenges, Isabel Vollmer, Acerina Zambrano und Marlene Zilias ist intensiv, in Einzelfällen schon von erstaunlich entwickelter Geschmeidigkeit und Präzision (Engelbrecht, Simm, Hauber). Vor allem aber findet das Spiel Überzeugungskraft durch ein sehr homogenes Ensemble. Das macht Hoffnung auf Zukunft. Auf die Zukunft der Schauspielerei.



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